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Der Zeitrahmen für Fortschritte in der Lebensverlängerung

Dies ist eine meiner fünf HGF ("häufig gestellte Fragen") Websites: Es geht um Fragen, wie lange heutige Menschen welchen Alters leben könnten. Bei den anderen HGFs geht es um:

- Generelle Argumente gegen die Glaubwürdigkeit von SENS,
- Argumente, dass SENS schädlich oder unwichtig sei,
- Kritik an meiner Strategie, SENS zu verwirklichen und
- Fragen, wie Sie an SENS mitarbeiten können.

Anmerkung: Obwohl hier Links zu den einzelnen Kapiteln weiter unten angeboten werden, würde ich empfehlen, dass Sie diesen Text hier einmal komplett durchlesen.

Warum verbreiten Sie möglicherweise ungerechtfertigten Optimismus, was den Zeitrahmen angeht?
Wann werden wir beweisen, dass der menschliche Alterungsprozess tatsaechlich umgekehrt werden kann?
Wann werden wir die ersten menschlichen Verjüngungstherapien haben?
Wie lange werde ich, oder meine Kinder leben können?
Werden wir jemals in der Lage sein, den unfreiwilligen, altersbedingten Tod völlig zu vermeiden?
Werden wir jemals Therapien haben, die den altersbedingten Tod völlig ausschalten? (Das ist nicht dieselbe Frage!)
Werden wir jemals das Altern völlig ausschalten können?
Werden wir alle irgendwann sterben?
Werden wir uns jemals völlig unsterblich machen?


Warum verbreiten Sie möglicherweise ungerechtfertigten Optimismus, was den Zeitrahmen angeht?

Das ist eher eine Kritik an meiner Strategie, SENS zu verwirklichen, deshalb beantworte ich es auf der entsprechenden Seite.

Wann werden wir beweisen, dass der menschliche Alterungsprozess tatsächlich umgekehrt werden kann?

Das ist das erste Meilenstein des SENS-Projekts, und ich glaube das er zuerst in Labormäusen erreicht wird. Ich denke das wird auch der Punkt sein, an dem die Gesellschaft einsieht dass die Heilung des Alterns ein sehr wichtiges Projekt ist. Das wird einen richtigen "Krieg gegen das Altern" auslösen.

Ich schätze, dass der erste Meilenstein in etwa zehn Jahren erreicht werden kann, wenn entsprechende Forschungsgelder bereitgestellt werden. Es wird fast sicher nicht schneller als in sieben Jahren gehen, und es wird wahrscheinlich nicht länger als 20 Jahre brauchen. Wenn die Forschungsgelder zu gering sind, könnten sich diese Zeiten auch verdoppeln.

Die normal Lebenserwartung einer Maus ist drei Jahre. Ich schätze es reicht für den ersten Meilenstein, wenn wir eine zwei Jahre alte Maus nehmen können und bewirken können, dass sie noch drei weitere Jahre lebt. Dadurch hätten wir also ihre verbliebene Lebensspanne verdreifacht. Das nenne ich oft die "Verlässliche Mausverjüngung" oder VMV.

Eine detaillierte Rechtfertigung dieser Schätzung können Sie meinen Publikationen entnehmen. Die gibt es hier.

Dieser Meilenstein ist extrem wichtig, weil er gewaltige soziale Veränderungen auslösen wird. Wir werden unseren Lebensweg nicht erst verändern, wenn die menschliche Lebensverlängerung erwiesen ist. Wir werden damit anfangen sobald vielen klar wird, dass sie bevorsteht.

Wann werden wir die ersten menschlichen Verjüngungstherapien haben?

Das ist der zweite große SENS-Meilenstein. Er würde von Therapien definiert, die das menschliche Altern soweit umkehren, wie zuvor in der Maus. Sie würden also unsere verbliebene Lebensspanne verdreifachen, wenn wir uns ihnen in den späten fünfzigern unterziehen. Klar, dass ich das dann die "Verlässliche humane Verjüngung", oder VHV nenne.

Ich schätze, dass wir diesen Meilenstein erreichen können 15 Jahre nachdem wir VMV erreicht haben. Fast sicher geht es nicht schneller als fünf Jahre danach, und es wird fast sicher nicht länger als 100 weitere Jahre dauern. Diesmal mache ich mir um die Forschungsgelder keine sorgen. Ich glaube dass massenhaft Gelder verfügbar gemacht werden, nachdem Meilenstein 1 erreicht wurde.

Ich kann das am besten rechtfertigen, indem ich mir folgendes Szenario vorstelle: Wir haben den Meilenstein 1 erreicht, aber es gibt noch keinerlei Fortschritte bei Techniken, die wir brauchen um das ganze auf den Menschen anzuwenden. Die wichtigste dazu notwendige Technik ist die extrem sichere und effektive Gentherapie, und zwar ebenso die Variante der Insertion (Das Einbringen neuer Gene in unsere Chromosomen) und das Ersetzen ("gene targeting"), mit dem wir existierende Sequenzen verändern können. Einige Lösungsansätze zu diesen Problemen werden bereits intensiv erforscht. Daher glaube ich, dass ein Zeitrahmen von 15 Jahren eine vernünftige Schätzung ist, besonders wenn der "Krieg gegen das Altern" ausgerufen wird und die Forschungsgelder entsprechend aufgestockt werden. Allerdings könnten wir uns beim Altern auch täuschen, ebenso wie sich US-Präsident Nixon 1971 beim Krebs getäuscht hat. (Er rief den "Krieg gegen den Krebs" aus, und behauptete dass er in fünf Jahren völlig heilbar sein würde.) Daher ist mein oberes Limit so hoch.

Wie lange werde ich, oder meine Kinder leben können?

Das hängt natürlich schwer davon ab, wie alt Sie oder Ihre Kinder gerade sind. Aber ich glaube, dass ich den abhängig von dem obigen Meilenstein eine ziemlich zuverlässige Vorhersage machen kann. Ich behaupte, dass in entwickelten Ländern alle Menschen, die 40 Jahre vor dem Erreichen von Meilenstein 2 geboren wurden eine durchschnittliche Lebenserwartung von mehr als 5000 Jahren haben.

Von allen meinen Vorhersagen macht diese viele Zuhörer am meisten fertig -- und zwar aus Gründen, die am wenigsten zu rechtfertigen sind. Meine Logik ist wirklich sehr einfach:

1) Wenn wir den Meilenstein 2 erreichen, wird sich das Todesrisiko von jenen, die sich die entsprechenden Therapien leisten können nicht mehr erhöhen -- sie werden nicht mehr altern. Der Grund ist, dass wir neue Aspekte des Alterns, die erst in zunehmend höherem Alter auftreten schneller identifizieren, charakterisieren und rückgängig machen werden, als sie lebensbedrohliche Stadien erreichen. Wir haben im Moment keine Ahnung, was wir tun müssen, um 200-jährige gesund und munter zu halten, aber das ist OK. Wir werden für diese Information innerhalb der nächsten 100 Jahre keinerlei Verwendung haben. Wir werden einfach sehr gut aufpassen, welche Veränderungen in 180-jährigen Menschen langsam auftreten, und in 80-jährigen Schimpansen, wenn wir welche haben. Wenn wir bereit sind, dafür einigen Aufwand in Kauf zu nehmen, dann haben wir sehr gute Chancen, den Problemen immer um einen Schritt voraus zu sein.

2) Die Lebenserwartung von Teenagern in westlichen Ländern wäre etwa 1000 Jahre, wenn ihre Todesrate konstant bliebe. (Verschiedene Leute haben versucht das mit verschiedenen Daten auszurechnen, und einige kommen auf 700, andere auf 1200 Jahre. Wahrscheinlich ist 1000 Jahre ein fairer Kompromiss.)

3) Ich würde erwarten, dass wir viel weniger Risikobereit werden, wenn uns klar wird, dass wir eine unbestimmte Lebensspanne haben. Daher wird sich diese 1000-jährige Lebensspanne noch um einen bestimmten Faktor verlängern. Meine konservative Schätzung ist ein Faktor von 5. Das setzt natürlich vorraus, dass unsere geringere Risikobereitschaft in allen Gebieten zum tragen kommt, einschliesslich der Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen, der Ausgaben, um neue Infektionskrankheiten zu bekämpfen und unserer Haltung gegenüber einfachen Unfällen. Ich sehe eigentlich keinen Grund zu glauben, dass das nicht wirklich so passieren könnte.

Viele Leute schalten einfach ab, wenn sie das lesen -- Weil sie es sich nicht vorstellen können. Es übersteigt ihre Phantasie. Also, wenn Sie dazu gehören -- Bitte versuchen Sie es noch einmal. Oder, wenn Ihnen eine mathematischere Behandlung lieber ist, als das "wie", dann lesen Sie weiter.

Werden wir jemals in der Lage sein, den altersbedingten Tod völlig zu vermeiden?

Bestimmt wissen Sie inzwischen schon, was ich antworte: Wir werden ihn nicht völlig vermeiden, aber er wird sehr, sehr selten werden. Ich habe diesem Konzept vor kurzem einen Namen gegeben: Wenn wir unsere Verjüngungstherapien schneller verbessern, als diese Verbesserungen gebraucht werden, dann haben wir die "Fluchtgeschwindigkeit der Lebensverlängerung" erreicht. Und damit meine ich im Detail folgendes:

1. Die Fluchtgeschwindigkeit der Bevölkerung

Als erstes sehen wir uns die gegensätzlichen Einflüsse des Alterns und des biomedizinischen Fortschritts auf das Todesrisiko in der nahen Zukunft an (sagen wir mal innerhalb eines Jahres). In jeder menschlichen Population besteht für die Menschen zwischen 40 und 85 Jahren (das sind in entwickelten Ländern die meisten) folgendes Gesetz: Der Anteil der Menschen, die in einem gegebenen Alter sterben ist etwa 10% größer als der Anteil, der ein Jahr jünger stirbt, und um 10% geringer als der Anteil, der ein Jahr älter stirbt. Dieser exponentielle Zusammenhang wurde vor etwar 180 Jahren entdeckt und ist in allen menschlichen Populationen, die je untersucht wurden überraschend konstant -- sowohl was die exponentielle Natur des Zusammenhangs angeht, als auch die Größe des Exponenten.

Der Achsenabschnitt der Kurve ist allerdings nicht konstant. Das ist der absolute Anteil der Menschen des Alters N, die im Alter von X Jahren sterben. Es gibt vor allem auch Fortschritte mit der Zeit: Menschen in entwickelten Ländern haben heute viel geringere Todesraten, als Menschen des gleichen Alters im gleichen Land vor 50 Jahren hatten. Das liegt hauptsächlich am medizinischen Fortschritt.

Wenn wir uns ansehen, wie sich das auf die Menschen selbst auswirkt, wird es noch interessanter. Menschen im Alter von N Jahren sind im Jahr X nicht gleichzeitig N+1, N+2 usw. Jahre alt. Sie sind erst im Jahr X+1 N+1 Jahre alt, im Jahr X+2 N+2 Jahre alt, usw. Es mag zwar das Verhältnis der Todesfälle von N-jährigen zu N+1-jährigen im Jahr X 1,1 sein, und im Jahr X+1 mag das immer noch so sein, aber das Verältis der Todesfälle von N-jährigen im Jahr X zu N+1-jährigen im Jahr X+1 ist weniger als 1,1. Und auf letzteres Verhältnis kommt es uns allen letztlich an.

Inzwischen können Sie sich bestimmt vorstellen, worauf ich hinaus will. Wie schnell muss der biomedizinische Fortschritt sein, damit unser Todesrisiko mit dem Alter nicht mehr zunimmt? Klar, er muss so schnell sein, dass das Todesrisiko der N-jährigen im Jahr X+1 um 10% geringer wird, als das der N-jährigen im Jahr X. Und der Punkt ist: Das ist nicht hoffnungslos unrealistisch. Wenn wir uns das Vergangene Jahrhundet mal ansehen, können wir Zeiten finden, in denen das Todesrisiko bestimmter Altersgruppen in der Tat sehr schnell verringert wurde. Es gab zwar keine 10% pro Jahr, aber 3% kam vor und 2% war ziemlich häufig. Es ist also diese Fortschrittsrate, die ich "Fluchtgeschwindigkeit" nenne. Sie ist für die gesamte Population definiert, daher nenne ich sie "Fluchtgeschwindigkeit der Bevölkerung". Natürlich braucht bei 10% noch nicht Schluss sein. Wir können uns ebenso vorstellen, dass das tatsächliche Todesrisiko jährlich um 15% oder 20% verringert wird. Das würde heißen, dass es mit dem Alter immer weniger wahrscheinlich würde zu sterben. Der Prozess wird nur dadurch begrenzt, dass eines Tages das biologische Altern für die betreffenden Altersgruppen als Haupttodesursache ausgeschaltet sein wird.

Dabei kann es ein Problem geben: Wenn wir immer älter werden werden die Vorgänge in unserem Körper auf unvorhergesehene Weise schief laufen (Sehr wahrscheinlich allerdings nicht für immer -- siehe unten). Wir werden nur begrenzte Zeit haben, diese Veränderungen zu charakterisieren und herauszubekommen, wie man sie reparieren kann, bevor die Ältesten anfangen, daran zu sterben. Das könnte eine harte Nuss sein -- Wenn wir die Affen nicht hätten. Die Affen kommen uns da wie gerufen, weil sie (a) uns unglaublich ähnlich sind, (b) nicht sprechen können, was bedeutet dass wir kein Problem damit haben ihr Leben aufs Spiel zu setzen, wenn unser eigenes Leben andernfalls in Gefahr wäre und weil sie (c) gut doppelt so schnell altern wie wir. Wir wissen also noch nicht woran 200-jährige Menschen sterben würden, aber dass müssen wir auch nicht wissen, bevor es welche gibt. Wenn es soweit ist werden wir schon lange vorher 100-jährige Affen haben, die wir genauso behandelt haben, wie uns selbst (Junk-food, kaum Bewegung, aber all die Verjüngungstherapien, die wir selbst benutzen). Wegen (a) werden diese Affen alle Symptome zeigen, die auch 200-jährige Menschen zeigen werden. Wir werden also schon während einer so langen Zeit erforscht haben, wie wir sie in Affen reparieren können, dass wir sie bis dahin in Menschen richtig gut reparieren können. Wenn wir 300-jährige Menschen haben, läuft das ganz genauso, bloß haben wir dann einen noch größeren Vorsprung. Das alles klappt nur, wenn die Affen alle unsere altersbedingten Probleme in der halben Zeit bekommen, aber das  ist eine ziemlich sichere Annahme.

2. Individuelle Fluchtgeschwindigkeit

Jay Fox, seit 2004 ein ausgesprochen intelligenter und unternehmungslustiger Aktivist in der Lebensverlängerungsszene, hat das Konzept der Fluchtgeschwindigkeit sehr geistreich analysiert (auf Englisch). In diesem Text geht er besonders auf den wichtigen Punkt ein, dass die Fluchtgeschwindigkeit der Bevölkerung über Todesraten definiert ist, aber nichts darüber sagt, wie gebrechlich die Menschen sein werden. Es ist mir immer wichtig, meinen Lesern hierbei Mut zu machen, also los: Durch biomedizinische Fortschritte könnten wir in der Zukunft, ebenso wie in der Vergangenheit, die Rate des Verfalls von der Gesundheit zur Gebrechlichkeit oder von der Gebrechlichkeit in den Tod verlangsamen. Im Prinzip wäre es also möglich, die Fluchtgeschwindigkeit nach obiger Definition (d.h. die Fluchtgeschwindigkeit der Bevölkerung) erreicht werden, indem wir gleichbleibend schnell lernen, immer gebrechlichere Menschen am Leben zu halten. Das wäre natürlich kein Stück wünschenswert. Zum Glück gibt es auch keinerlei Grund, an so ein Szenario zu glauben, weil es viel schwerer ist, gebrechliche Menschen am Leben zu halten, als zu verhindern, dass sie überhaupt erst gebrechlich werden, oder ihre Vitalität wiederherzustellen, wenn sie es einmal sind. Das zeigt sich zum Beispiel im biomedizinischen Fortschritt der letzten 20 Jahre: In den meisten Ländern ist nicht nur die Lebenserwartung um ein paar Jahre gestiegen, sondern auch die Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Mit anderen Worten gab es sehr geringe Fortschritte in unserer Fähigkeit, gebrechliche Menschen am Leben zu halten. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass sich das in der Zukunft ändert. Aber der Exaktheit wegen macht es Sinn, eine Zweite Art der Fluchgteschwindigkeit zu definieren, die individuelle Fluchtgeschwindigkeit. Das ist die Fortschrittsrate, bei der wir das Altern schnell genug bekämpfen, um nicht nur unser Todesrisiko, sondern auch unsere Vitalität mit dem Alter zu erhalten. Vitalität ist natürlich schwerer zu definieren und genau zu messen, aber inzwischen wurden schon ziemlich objektive Maßstäbe dafür etabliert.

Werden wir jemals Therapien haben, die den altersbedingten Tod völlig ausschalten?

Man kann noch andere, stärkere Versionen der Fluchtgeschwindigkeit definieren. Wir sind zwar extrem komplexe Maschinen, aber unsere Komplexität ist trotzdem begrenzt. Daher können wir uns realistischerweise Vorstellen, dass wir vielleicht viele Jahrhunderte in der Zukunft alles richten was mit der Zeit in uns schief laufen kann. Diese Situation haben wir heute mit Oldtimer-Autos: Es braucht eine Menge Arbeit, ein 70 Jahre altes Auto fahrbereit zu halten, aber wer bereit ist diesen Aufwand zu investieren, kann es anscheinend für unbefristete Zeit fahren. Es kommen keine neuen Arten von Schäden mehr dazu, und die Reparaturhäufigkeit braucht nicht weiter zu steigen. Das ist eine stärkere Version der individuellen Fluchtgeschwindigkeit.

Wenn sie diese ganze Seite bis hier her gelesen haben, dann werden sie jetzt verstehen, warum ich frustriert bin, dass die Leute mich ständig lächerlich machen, weil sie nicht glauben, dass wir in ein paar Jahrzehnten Therapien haben werden, mit denen wir 1000 Jahre alt werden können. Das behaupte ich doch überhaupt nicht!

Werden wir jemals das Altern völlig ausschalten?

Man könnte sich auch vorstellen, dass wir einen Punkt erreichen, wo wir unsere Therapien nicht einmal mehr wiederholt anwenden müssten, weil wir den Alterungsprozess komplett aus unserem Körper verbannt haben. Vielleicht könnte man das in komplett elektronischen Körpern erreichen, ohne bewegliche Teile. Aber es ist völlig sicher, dass wir das nie in Körpern aus Fleisch und Blut machen können. Leider sieht es so aus als könnte man sagen, dass diese sehr extremistische und unrealistische Version der individuellen Fluchtgeschwindigkeit die beste Analogie zum physikalischen Phänomen der Fluchtgeschwindigkeit darstellt. Tja, keine Analogie ist perfekt.

Werden wir alle irgendwann sterben?

Eine interessante Variante der Fluchtgeschwindigkeit beschäftigt sich mit dem Todesrisiko aufgrund von allen Ursachen, d.h. des Alterns plus aller anderen. Das ist die stärkste Version der Fluchtgeschwindigkeit der Bevölkerung. Wenn wir diese Fluchgeschwindigkeit entsprechend der früheren Definition erreichen, würden wir an einem Punkt ankommen, wo niemand mehr an Altersschwäche oder altersbedingten Krankheiten stirbt, und wo niemand auch nur gebrechlich ist. Aber natürlich könnten wir noch immer an all den altbekannten Todesursachen sterben, die nichts mit dem Alter zu tun haben. Nehmen wir mal an, dieses Todesrisiko ist konstant -- nicht nur für alle X-jährigen, sondern auch für alle anderen Altersgruppen. Dann hätten wir ganz klar eine "Halbwertszeit", wie radioaktive Materialien. Wir würden alle irgendwann sterben, ganz genau wie die Atome in solchen Materialien irgendwann alle zerfallen sind. Wenn wir dabei das Todesrisiko von 11-jährigen in entwickelten Ländern an den Tag legen, hätten wir eine Halbwertszeit von etwa 1000 Jahren.

Die Annahme, dass unser Todesrisiko aufgrund von allen altersunabhängigen Todesursachen für immer und ewig konstant bleibt ist aber eigentlich nicht überaus realistisch. Wahrscheinlich werden wir nämlich auch von diesen anderen Todesarten nicht gerade begeistert sein, und ewig an unseren technischen Fähigkeiten arbeiten, sie zu vermeiden. Wahrscheinlich haben wir keinen Grund anzunehmen, dass der Erfolg dieser Techniken in der sehr, sehr fernen Zukunft streng begrenzt ist. Daher können wir uns schon Gedanken darüber machen, was mit unserer Lebenserwartung wäre, wenn wir unsere Fähigkeit sämtlichen Todesursachen aus dem Weg zu gehen kontinuierlich verbessern könnten -- sagen wir mal der Einfachheit halber mit konstanter Rate aber unbegrenzten Möglichkeiten. Nehmen wir an, unser Todesrisiko in den nächsten 1000 Jahren ist 50%. Aber wenn wir überleben, dann ist es in den danach folgenden 1000 Jahren nur noch 25% und in den danach folgenden nur noch 12,5%, usw. Diese Reiche erreicht niemals null. Wenn man es nachrechnet kommt man auf eine etwa 28%-ige Chance, buchstäblich ewig zu Leben, d.h. tatsächlich niemals zu sterben, obwohl das Todesrisiko in jedem gegebenen Jahrtausend niemals genau null ist. Wenn sich das Todesrisiko in jedem Jahrtausend um einen Faktor < 2 verringert (z.B. 50%, 30%, 18%, ect.), dann wäre die Chance ewig zu leben kleiner als 28%. Wenn der Faktor > 2 wäre, dann würde die Chance größer als 28%. Aber solange der Faktor größer ist als null, gibt es eine endliche Chance, ewig zu leben. Das bedeutet, unsere Lebenserwartung wäre unendlich, weil diejenigen, deren Lebensspanne tatsächlich unendlich ist alle anderen statistisch vernachlässigbar machen.

Werden wir uns jemals unsterblich machen?

Nein. Keine der oben beschriebenen Arten der Verjüngung oder Vermeidung des Todes -- auch nicht die letzte -- kann korrekterweise als "Unsterblichkeit" bezeichnet werden. Unsterblichkeit heißt die Unmöglichkeit, zu sterben, d.h. die völlige Sicherheit niemals zu sterben. Auch im letzten Szenario haben wir eine endliche Wahrscheinlichkeit, irgendwann zu sterben und in der Tat eine endliche Wahrscheinlichkeit, innerhalb jedes gegebenen Jahres zu sterben. Diese letzte Frage hat also eine sehr einfache Antwort: Nein, wir werden uns nie unsterblich machen.

 


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